RAG Sanitätsdienst Rheinland-Pfalz
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10/2017 - Einsatzersthelfer A

Einsatzersthelfer A - Vollausbildung vom 14. - 15. und 20. - 22. Oktober 2017

Der Gruppenführer eilt zu seiner Einheit, während Schmerzensschreie in einiger Entfernung die Stille der Nacht durchbrechen. Hastig werden Befehle gegeben, als plötzlich die Umrisse einer Person auf der Straße zu erkennen sind. Im gedämpften Licht der Taschenlampen ist die stark blutende Schusswunde am Arm des wankenden Mannes zu erkennen: „Mein Arm!“, ruft er, „Bitte helft mir, es tut so weh!“ Sofort nehmen sich zwei Soldaten der verletzten Person an. Zuerst wird er auf den Boden gesetzt, da ein Kreislaufzusammenbruch aufgrund des hohen Blutverlustes nicht ausgeschlossen werden kann. Mit der einen Hand hebt einer der Soldaten den verletzten Arm nach oben und mit der anderen Hand drückt er die Arterie am Oberarm ab, welche die Extremität mit frischem Blut versorgt. Sein Kamerad öffnet indes das mitgeführte Erste-Hilfe Set und holt ein Tourniquet heraus. Dieses spezielle Hilfsmittel wird körpernah vor der blutenden Wunde um den Arm gelegt und solange festgezogen, bis die Blutung durch Kompression der Blutgefäße zum Stillstand kommt. Die kritische Blutung stillen, das hat in diesem Moment oberste Priorität.

 

Zur selben Zeit begibt sich der Rest der Einheit abseits der Straße ins unbefestigte Gelände. Einige Schritte entfernt können weitere verletzte Personen in der Dunkelheit aufgefunden werden. Einer von ihnen liegt im nassen Gras auf dem Bauch und stöhnt angestrengt vor Schmerzen. Im Bereich der Lendenwirbelsäule klafft eine tiefe Wunde. Die Beine sind kalt und ohne jegliches Gefühl und selbst die kleinste Bewegung verursacht stärkste Schmerzen im Rücken. Eine sterile Kompresse wird zur Abdeckung der Wunde hergenommen und die Injektion eines Morphium-Autoinjektors soll das größte Leid lindern. Nach Ausschluss weiterer Verletzungen kann neben dem Wärmeerhalt durch eine Rettungsdecke und der ständigen Betreuung in diesem Moment nicht mehr getan werden.

 

Unweit neben ihm sitzt ein Mann an einen Baum gelehnt am Boden. Das Gesicht ist kreidebleich und die Atmung flach und schnell. Er reagiert nicht auf Ansprache durch die Soldaten. Sein Blick starrt geistesabwesend an ihnen vorbei in den wolkenbehangenen Nachthimmel. Die Oberbekleidung an der linken Brust ist blutgetränkt und zwei kleine Löcher im Stoff weisen auf die beiden Einschüsse unterhalb des Schlüsselbeins hin. Sofort wird die Blutung durch manuelle Kompression mit der Hand und im Anschluss mit Hilfe eines Notverbands gestoppt. Der Zustand des Schwerverletzten ist sehr kritisch. Einer der Soldaten kniet sich neben ihn, stützt ihn ab und versucht ihn von den Geschehnissen abzulenken.

 

Die Minuten verstreichen und weitere Verwundete werden gefunden. Einer mit einem Einschuss im Bauch mit schweren inneren Blutungen, ein anderer mit einem großen Schussloch im Oberschenkel und einem Streifschuss am Hals. Das Verbandmaterial ist knapp, so dass letzten Endes improvisiert werden muss. Die Verwundeten werden mit eigenen Jacken zugedeckt und Tücher dienen als provisorische Verbände. Nach Sichtung aller Betroffenen können vom Einheitsführer insgesamt fünf verletzte Personen für den Abtransport gemeldet und vorbereitet werden. Einer aus der Gruppe spurtet etwas abseits der Szenerie und markiert den Landeplatz für den angeforderten MedEvac mit rotem Licht.

 

Der Stresspegel bei allen Beteiligten ist sehr hoch. Schon mehr als 20 Minuten sind seit dem Eintreffen an der Einsatzstelle vergangen, als endlich das langersehnte „Übungsende!“ vom zuständigen Ausbilder ertönt. Die Teilnehmer atmen tief durch und die Patientendarsteller entspannen sich nach diesem langen und anstrengenden Schauspiel, während sie sich vom kühlen Boden erheben und die angelegten Verbände von ihren Körpern entfernen. Schnell wird das Nötigste wieder zusammen geräumt, ehe der Übungsleiter alle Beteiligten zusammen ruft.

 

Es folgt die Nachbesprechung, an der auch die Patientendarsteller teilnehmen, denn ihre Meinung und Einschätzung ist von hohem Stellenwert. Der Mann in der gelben Weste mit der Aufschrift „Ausbilder“ dankt allen Anwesenden und übergibt das Wort an die Verletztendarsteller. Diese beschreiben nacheinander zum einen, wie sie sich betreut und umsorgt gefühlt haben und bewerten auch, soweit möglich, die getroffenen medizinischen Maßnahmen. Danach wird das Wort an den Einheitsführer sowie die Gruppe übergeben. Wie wurden notwendige Maßnahmen ausgeführt, Personal und Material verteilt sowie notwendige Absprachen getroffen? Das alles gilt es an dieser Stelle zu kommunizieren ehe der Ausbilder den Teilnehmern zum Abschluss der Nachbesprechungsrunde seine Einschätzung der gezeigten Leistung weitergibt. Hierbei gilt ganz klar das Prinzip der konstruktiven Kritik. Die Gruppe muss wissen, was falsch gemacht wurde und wie es in Zukunft besser gemacht werden kann. Optimal ist es dabei, verschiedene Lösungsansätze und Verbesserungsmöglichkeiten gemeinsam mit der Gruppe zu erarbeiten.

 

Die beschriebene Übung war nur eines von insgesamt sieben zu bewältigenden Szenarien am 21. und 22. Oktober. Sie fand im Rahmen der zwei Wochenenden umfassenden Vollausbildung zum Einsatzersthelfer A am Truppenübungsplatz Baumholder statt. Veranstalter und Organisator war die RAG Sanitätsdienst Rheinland-Pfalz unter Leitung von OFw d.R. Thorsten Magin-Böttche, welche ihre Ausbildungsveranstaltungen normalerweise in der Südpfalz-Kaserne in Germersheim abhält und dieses Mal nach Baumholder ausweichen musste. Ziel der RAG ist es dabei, die Teilnehmer mit möglichst realistischen Einsatzszenarien zu fordern und an die eigenen Grenzen zu bringen, denn in diesem Rahmen haben sie die Möglichkeit Fehler zu machen und diese zusammen mit den Ausbildern zu reflektieren.

 

Das solch eine Veranstaltung einer adäquaten Vorbereitung bedarf, steht dabei außer Frage. Neben der räumlichen und logistischen Planung bedarf es auch an ausreichend qualifiziertem Personal. Hier kann die RAG Sanitätsdienst Rheinland-Pfalz mit einem großen Pool an Helfern aus allen Bereichen der zivil-militärischen Zusammenarbeit punkten. Neben Reservisten mit und ohne medizinische Erfahrung stehen der RAG auch viele zivile Helfer zur Verfügung, darunter mehrere Notärzte und weiteres medizinisches Personal. Ein Großteil der geleisteten Arbeit erfolgt dabei auf rein ehrenamtlicher und freiwilliger Basis.

 

Bei der Ausbildung zum Ersthelfer A im Oktober nahmen insgesamt 19 Teilnehmer aus den Reihen der Bunderwehr, der Reservisten sowie der Polizei teil. Erfreulich ist hierbei die steigende Nachfrage nach solchen Veranstaltung durch die RAG, was deutlich aufzeigt, wie groß das Interesse und der Bedarf sind, auch über die Grenzen der eigenen Truppe hinaus. Ein deutliches Zutun ist hierbei der praktischen Ausbildung zuzuschreiben, was im einhelligen O-Ton von bisher allen Teilnehmern, auch von vergangenen Veranstaltungen, deutlich zu hören ist. Die RAG wird auch im nächsten Jahr wieder eine Vollausbildung durchführen sowie mehrere praktische Simulationstrainings anbieten, um eine kontinuierliche Aus- und Fortbildung für alle Interessierten zu gewährleisten.

 

Text & Bilder: Björn A. Schäfer

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